Interview
Dear Roger Waters






«The Wall», «Wish You Were Here», «Dark Side of the Moon»: Die besten Songs von Pink Floyd stammen von ihm. In der Öffentlichkeit aber macht sich Roger Waters rar. Für das Migros-Magazin machte er eine seltene Ausnahme.


Hello Mr. Waters. Sie befinden sich gerade in Athen, es rauscht stark in der Leitung. Wie läuft die Tournee denn so?

Wunderbar! Es ist eine Freude, diese Lieder mit diesen Musikern zu spielen. Und das Publikum war bis jetzt grossartig.

 

Das Programm nimmt sich aus wie ein Wunschkonzert für Pink-Floyd-Fans. Nebst «Dark Side of the Moon» bekommen diese viele andere Evergreens zu hören. Was hat Sie zu diesem Programm motiviert?

Die Verantwortlichen des Formel-1-Rennens am 14. Juli im französischen Magny-Cours. Sie fragten an, ob ich zu diesem Anlass «Dark Side of the Moon» aufführen wolle. Ich dachte: Ist das eine kuriose Anfrage! Dann: Doch, das könnten wir machen. Daraufhin ergaben sich noch ein paar andere Konzertmöglichkeiten in Europa – und schliesslich kamen die Leute von Magny-Cours wieder und sagten: Also, eigentlich möchten wir ja, dass es eine komplette Show wird, nicht nur das Album. Aha, sagte ich, okay, dann halt.

Welches Stück singen Sie am liebsten?

Das ändert sich laufend. Aber wenn mich jemand bitten würde, vor ein paar Leuten ein Lied zu singen, wäre es wohl «Wish You Were Here». Der Song hat etwas Besonderes.

Liveauftritte waren für Sie früher laut eigener Aussage immer «ein Krampf». Jetzt nehmen Sie es viel lockerer. Was ist passiert?

Es wird wohl die Psychotherapie gewesen sein, die mir geholfen hat, es lockerer anzugehen. Wenn Sie alte Pink-Floyd-Filme anschauen, sehen Sie, dass ich schon damals ein intensiver Performer war. Ich ströme viel Energie aus und treibe die anderen an. Nur war ich zu verbissen. Jetzt ist mir viel wohler auf der Bühne, und ich kann den Leuten in die Augen schauen.

Heisst das, dass Ihnen Tourneen heute mehr Spass machen als vor zwanzig Jahren?

Oh, Gott, auf jeden Fall!

Der harte Kern der Band, mit der Sie jetzt unterwegs sind, ist seit 19 Jahren zusammen. Praktisch gleich lang wie Ihre Zeit mit Pink Floyd. Ist die Verbundenheit zwischen den heutigen Musikern vergleichbar mit der bei Pink Floyd?

Nun, wie Sie ja wissen, wurde es mit Pink Floyd gegen das Ende hin problematisch. Aber in den frühen Tagen – ich würde sagen, so bis «Dark Side of the Moon» – hatten wir ein sehr enges Verhältnis. Mit meinen jetzigen Mitmusikern verbindet mich zwar viel Zuneigung, Respekt, aber es ist etwas anderes. Dies ist meine Band, und es steckt nicht der geringste Hauch von Demokratie darin.






 

Muss Gitarrist Dave Kilminster die Pink-Floyd-Platten ganz genau nachspielen oder darf er ein bisschen improvisieren?

Dave Kilminster hat sehr viel Respekt vor der Arbeit von Dave Gilmour. Er spielt die meisten Soli ziemlich ähnlich, und bei den Konzerten spielt er die Stücke notengetreu nach, besonders die von «Dark Side of the Moon». Das Album ist ja unterdessen fast wie ein Stück klassische Musik, man kennt es so gut. Wir akzeptieren, dass es in Stein gemeisselt ist. Wir respektieren das. Es wäre falsch, daran etwas zu ändern. Das sieht auch Dave so.


Bei Live 8 vergangenes Jahr machten Sie das erste Mal nach Jahrzehnten wieder gemeinsam mit Pink Floyd Musik. Wie fühlten Sie sich dabei?

Es war ein absolut fabulöses Gefühl, dass wir scheinbar immer noch die gleiche Art von Lärm veranstalten können wie 1973. Mir hat es enorm Spass gemacht. Bestimmt sah man mir das auch an. Und wenn man sieht, wie jemand anders Spass an der Sache hat, überträgt sich das auf die anderen. Irgendwie scheint es die Leute berührt zu haben, uns zu viert auf der Bühne zu sehen – Dave und Rick und Nick und mich. Übrigens wird Nick nun bei einigen Shows mit mir auftreten. Schön!

Können Sie genauer sagen, was sich bei der Wahrnehmung von Pink Floyd durch die Öffentlichkeit geändert hat?

 

Wissen Sie – die Tourneen, welche die anderen unternommen haben, nachdem ich gegangen war – haben bei den Fans nur Verwirrung gestiftet. Und diese Verwirrung löste sich beim Live-8-Konzert endlich auf. Ich glaube, dass die Zeit, als ich die Songs schrieb, Dave sang und Gitarre spielte, und Rick seine Akkorde beisteuerte, die goldenen Jahre von Pink Floyd waren. Live 8 hat unterstrichen, dass das Bild, das von Pink Floyd bleiben wird, in diesen Jahren geformt worden war. Mit Respekt für alles, was nachher kam – es war anders. Anders! Das ist alles. An diesem Tag im Juli 2005 ist das vielen Leuten erst klar geworden.

250 Millionen Dollar seien Pink Floyd danach für eine gemeinsame Tournee offeriert worden. Wie gross war die Verlockung?

Live 8 war eine dermassen tolle Sache, dass ich so etwas sehr gern wiederholen würde. Aber nur unter den richtigen Umständen. Zum Beispiel für einen wohltätigen Zweck oder für eine politische Sache, an die wir glauben.


Auf der Liste der 1'000 reichsten Briten, welche die «Sunday Times» jährlich publiziert, werden Sie derzeit mit einem Vermögen von 80 Millionen Pfund auf Rang 716 aufgeführt. Es entbehrt nicht der Ironie, dass Sie dahin mit Liedern gelangt sind, die dazu aufrufen, die Machthaber in ihrer Arbeit zu stören.

Diese Ironie sehe ich sehr wohl. Ebenso akzeptiere ich die Kritik, die man an Champagnersozialisten ausübt. Aber ich bin nicht bereit, mich ins Haarhemd zu stürzen, um in einer Höhle den Asketen zu spielen. Materielle Werte haben durchaus ihre Attraktion für mich. Und ich bin auch immer noch unsicher genug zu meinen, dass mein Leben ohne die Pufferzone von materiellem Reichtum, die ich mir geschaffen habe, geschmälert würde.

 

Meine Frage sollte keine Kritik sein. Ich finde es amüsant, dass es möglich ist, das System zu unterwandern und damit auf der Reichenliste zu landen.

Ich verstehe gut, was Sie meinen (lacht)! Um ehrlich zu sein, bin ich sehr froh, dass wir Erfolg hatten. Es war eine meiner wichtigsten Motivationen. Daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht. Ich wollte Geld verdienen und attraktiver werden!







Man hört, Sie seien aus politischen Gründen aus England in die USA übersiedelt. Was hat es damit auf sich?

Das stimmt nicht. Ich sagte höchstens einmal, das Fuchsjagdverbot hätte fast schon gereicht, mich zu einem Umzug zu bewegen. Ein sehr schlechtes Gesetz, das nichts Gutes bringt.

Warum aber ausgerechnet die USA? Eines Ihrer neueren Lieder, «Leaving Beirut», zeigt ja, dass Ihnen das dortige politische Klima auch nicht gerade zusagt!

Komplizierte Geschichte. Es läuft darauf hinaus, dass eine Exfrau dorthin gezogen ist und ein Kind. Ich folgte nach, und jetzt gefällt es mir. Wenn ich die Entscheidung, wo ich wohne, danach richten wollte, ob mir die Regierung passt oder nicht, hätte ich die grösste Mühe. Dann müsste ich wohl in Holland oder Dänemark wohnen. So sehr ich diese Länder mag, ich weiss nicht, ob ich da leben könnte. Zum Beispiel spreche ich weder Dänisch noch Holländisch, und so wäre ich ziemlich isoliert.

Zurück zur Musik – welche Ihrer Werke befriedigen sie am meisten?

«The Wall»! Das war unser komplettestes Werk. Kurz danach «Dark Side of the Moon», «Wish You Were Here». Tolle Alben. Und nach Pink Floyd «Amused To Death».

Und wie stehts mit den früheren Werken?

Aber klar – viele von Syd Barretts Liedern liebe ich. Auch Echoes. Anderes passt mir weniger. Wir waren eine junge Band, die hart arbeitete. Wir schufteten und schufteten und schufteten, bis wir über Meddle und Echoes schliesslich unsere Stimme fanden und «Dark Side of the Moon» machten.

Bekommen Bands heute noch die Chance, derart lang an ihrem Handwerk zu feilen?

Ich weiss nicht, ob die jungen Bands heute noch die Geduld dazu hätten! All diese Jahre verdienten wir praktisch nichts. Wir lebten äusserst bescheiden!

Stimmt es, dass Sie derzeit gleich an zwei neuen Alben arbeiten?

Das stimmt. Aber ich will nichts dazu sagen ausser, dass ich schon eine ganze Menge Songs beisammen habe. Aber derzeit bin ich so intensiv mit meiner Tournee beschäftigt, dass ich mir darüber gar keine Gedanken machen kann.

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